Lehre
Lehrveranstaltung von Dipl.Soz. Ralf Steinkamp während des Wintersemesters 2016 / 2017

Wahlpflichtseminar SP-16.28 "Gesellschaftliche Reaktion auf abweichendes Verhalten"

Thema des Seminars ist zunächst eine kritische Reflexion der gesellschaftlichen Reaktion auf abweichendes Verhalten und – in der Folge – ein Ausblick auf aktuelle und innovative Antworten der Sozialen Arbeit.

Die Reflexion erfolgt am Beispiel der Erörterung der verschiedenen formalisierten Antworten auf das Phänomen der „Kriminalität“ im Rahmen des – hier als „Idealtypus“ (i.S. Webers) betrachteten – Strafrechtssystems. Es wird gefragt, inwiefern die staatliche Reaktion auf abweichendes Verhalten legitimiert ist und wo Probleme hinsichtlich dieser Rechtfertigung von Disziplinierung und Strafe auftreten. Strafrechtssysteme und das Handeln der Akteure im Strafrechtssystem lassen sich z.B. unter den Gesichtspunkten der Disziplinierung (Foucault), der Verteilung von Partizipationsrechten (Habermas, Honneth), der Exklusion (Kronauer, Young) oder beispielsweise der Machtbildung (Popitz) betrachten und diskutieren.

Im Seminar werden vier aufeinander bezogene Diskussionseinheiten behandelt:

1.) In der „gesatzten“ Fassung des Strafrechtssystems (das sind die verschiedenen Strafgesetze und Ordnungen: StGB, StPO, StVollzO etc.) werden unterschiedliche, zentrale Fragestellungen behandelt:

Was ist „kriminell“? Wer ist „schuld“? Wie wird Verantwortlichkeit für Kriminalität zugeschrieben? Wer ist, mit welchen Funktionen, am Prozess beteiligt? Welche Strafe wird verhängt? Wie wird diese Strafe ausgeführt? – dies sind Themen, die einen zentralen Schritt in der Reaktion auf abweichendes Verhalten berühren.

2.) Entlang eines „Kontinuums“ der abnehmenden „materiellen Einflussnahme“ auf die Körper der Delinquenten werden im Folgenden die zentralen Formen und „Funktionsweisen“ der strafrechtlichen Reaktion auf abweichendes Verhalten beleuchtet:

Die Freiheitsstrafe stellt die „ultima ratio“ des (deutschen) Strafrechtssystems dar, daneben bzw. ergänzend gibt es aber auch Bewährungsstrafe, Sicherungsverwahrung, Arrest, die „elektronische Fußfessel“, Geldstrafe, Entzug der Fahrerlaubnis etc. In diesem Zusammenhang lohnt es, sich darüber Gedanken zu machen, was Amnestie oder Begnadigung bedeuten und wie und unter welchen Bedingungen sie formal erfolgen.

3.) Auch lohnt es sich, die Alternativen zu den „klassischen Strafen“: nämlich TäterOpferAusgleich (Mediation) und Diversion, aber auch die neuen, kommunalen Präventionskonzepte oder die „New Penology“ und die Folgen einer „Actuarial Justice“, zu diskutieren.

Es besteht hier der Verdacht, dass diese neuen (Re)Aktionsformen klassische rechtsstaatliche Prinzipien aushebeln bzw. umgehen – wichtig ist dann, die damit verbundenen Chancen und Risiken bzw. Gefahren zu erkennen und zu benennen.

Vor dem Hintergrund der vielen Defizite des Strafrechtssystems gewinnt die Forderung nach einer Abschaffung des Strafens bzw. des Strafrechtssystems („Abolitionismus“) an Gewicht.

4.) Abschließend sollen Arbeitsfelder der Sozialen Arbeit, die im Kontext der Strafrechtspflege angesiedelt sind, näher betrachtet werden – so z.B. die Bewährungshilfe (hier könnte beispielsweise der Resozialisierungsgedanke im Hinblick auf das Phänomen der Stigmatisierung (Goffman) diskutiert werden) oder die Einrichtung und Organisation von Drogenhilfezentren.

Ein gegenwärtig intensiv diskutierter Ansatz führt die Idee der Mediation weiter und versucht, Formen der Wiederherstellung beschädigter Gerechtigkeits-Empfindung („Restorative Justice“) zu etablieren.

Die Veranstaltung erfolgt i.d.R. in Form vierstündiger Termine.

Während der beiden ersten Termine steht die formale Struktur des Strafrechtssystems im Zentrum der Betrachtung. In der Folge werden die Formen von Bestrafung und Ausgrenzung untersucht, die im Rahmen des Strafrechtssystems Anwendung finden, und es werden die Ansätze betrachtet und diskutiert, die die Intention verfolgen, bereits das Auftreten von (gravierender) Abweichung zu vermeiden. Im Verlauf der letzten beiden Sitzungstermine sollen die in verschiedene Richtung weisenden, aktuellen Entwicklungen der gesellschaftlichen Reaktion auf abweichendes Verhalten untersucht werden: Die "neue Lust am Bestrafen", die versicherungsmathematisch erfolgte Neuorientierung der Kontrolle abweichenden Verhaltens ("actuarial justice"), oder auch die "restorative justice", die eine nicht-strafende, sondern konsensuell orientierte Antwort auf die Abweichungen geben will.


Termine:

FR,   04.11.2016, 09:30 – 11:00

FR,   11.11.2016, 08:45 – 12:00

FR,   02.12.2016, 08:45 – 12:00

FR,   09.12.2016, 08:45 – 12:00

FR,   16.12.2016, 08:45 – 12:00

FR,   13.01.2017, 08:45 – 12:00

FR,   20.01.2017, 08:45 – 12:00

FR,   03.02.2017, 08:45 – 12:00

weitere Informationen und Textdokumente unter CLIX

 

Forschungsaktivitäten und Veröffentlichungen