Konversion und Stadt, Projekt im WS 2011/2012

Semesterprojekt Konversion und Stadt

im WS 2011/2012

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Großregion Saarlorlux, Moodmodell Projektwoche, Masterstudiengang

Saarbrücken leidet an vermeintlich schlechten Prognosen der vorhersagbaren Zukunft. Schuld daran sind Sünden der Vergangenheit sowie Handlungsblockaden der Gegenwart, die finanziell und politisch bedingt sind. Prägende baulichen Eingriffe in das Stadtbild wie die direkte Nachkriegsstadtplanung und der Bau der Stadtautobahn sorgen für Ausnahmezustände im innerstädtischen Raum. In Saarbrücken gibt es viel zu tun. Eine gute Nachricht für Architekten und Planer. Die demografische Entwicklung der Gesellschaft hingegen prophezeit einen Gesellschaftsschwund und stellt jegliche (neu-) bauliche Entwicklung in Frage.

Wenn man in dieser Stadt lebt, stellt man schnell fest, dass die vermeintlich schlechten Nachrichten gute sind. In der Innenstadt gibt es zum Einen einen grossen Bedarf an hochwertigem Wohnraum, zum anderen jede Menge ungenutztes städtisches Potential, diesen zu schaffen. Viele Ecken, die dringend einer städtebaulichen Neubewertung und Entwicklung bedürfen, bieten Potential der innerstädtischen Entwicklung. Saarbrücken ist noch lange nicht ‚fertig‘ gebaut.

Dem Damoklesschwert der demografischen Entwicklung stehen aktuelle gesellschaftliche Entwicklungen gegenüber:
Zwar werden wir weniger, aber wir wollen mehr. Mehr Qualität des städtischen Raumes, mehr Fläche zum Wohnen, mehr städtische Infrastruktur, mehr kommunalen Service, mehr Bildungs- und Erziehungseinrichtungen, mehr Gesundheitsvorsorge und Versorgung, kurz, mehr Urbanität (Dichte, Kultur und Vielfalt). Und das alles bezahlbar.

Viele Menschen ziehen aufs Dorf, weil es in der Stadt keine adäquaten Angebote gibt. Und fahren jeden Tag in die Stadt, weil es dort Arbeit, Bildung, ärztliche Versorgung, Dienstleistung etc. gibt. Eine ganz und gar falsche Entscheidung.

Die sogenannte ‚Renaissance der (Innen) - Städte‘ führt nach der Meinung vieler Experten dazu, dass die Stadt als lebens- und wohnenswerter Organismus in das Bewusstsein der Menschen zurückkehren wird. Vor allem in Hinblick auf die Veränderungen im Bereich der Versorgung und Mobilität machen das Wohnen in der Stadt und vor allem im Stadtzentrum Masse attraktiv.

Diese Entwicklung ist mit dem Begriff der Nachhaltigkeit überschrieben: Die zukunftsfähige und generationengerechte Entwicklung eines Stadtraumes von hoher Qualität.

Die Broschüren der dokumentierten Projekte aus dem WS 2010/2011 und 2011/2012 sind als PDF-Download verfügbar.

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Luftbild, Landeshauptstadt Saarbrücken, Stadtmitte, Projektgebiet

Das Projekt im ersten Semester des Masterstudiengangs ‚Konversion und Stadt‘ findet im Umfeld des Europabahnhofes der Landeshauptstadt Saarbrücken statt.
Zentrales Planungsgebiet ist das sogenannte Mühlenviertel, dass sich vom Innenstadtzentrum aus nach Osten bis zur Dudweilerstrasse entwickelt.
Das Projekt ist in verschiedene Projektschritte aufgeteilt.

 

Step 1_Bestandsaufnahme und Analyse


Erkunden, analysieren und dokumentieren Sie das nähere und weitere Projektumfeld sowie dessen stadträumliche Lage anhand von Skizzen, Fotografien und anderen Darstellungen, die Ihnen bei der Analyse der bestehenden Verhältnisse nützlich erscheinen. Dabei sollten Sie sich von Aussen nach Innen vorarbeiten.
In welchem Verhältnis steht das Planungsgebiet zur Innenstadt Saarbrückens?
Welche Merkmale und Besonderheiten kann man auf dem Umfeld des Eurobahnhofs Saarbrücken beiderseits der Gleise finden?
Versuchen Sie, nicht nur die klassischen Ansätze der Bauaufnahme zu verfolgen, also etwa Höhe und Zustand der Gebäude, Nutzung bzw. Leerstand und gebäudetypologische Merkmale.
Verfolgen Sie auch Ziele der Stadtsoziologie: Wer wohnt hier (Klingelschildmethode), was wird hier gearbeitet, welche zwischenmenschliche Beziehungen kann man festhalten, gibt es auffällige gesellschaftliche Konzentrationen, Rituale etc...?

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Panorama, Projektgebiet

Step 2_Stadtvision Utopia


Nach der Bestandsaufnahme des Gebietes und seiner Nachbarschaft sind wir ernüchtert auf dem Stadtboden der realen sozialen und baulichen Situation des Planungsgebietes gelandet.
Allerhöchste Zeit, in den Time-Tunnel zu steigen und ins Jahr 2050 zu fliegen.


Grundlagen der Vision

Als Grundlage Ihrer Stadtvision sollten Sie von folgendem Setting ausgehen: 2050 hat sich die Metropolengrenzregion SaarLorLux zu dem zentralen Handels- und Finanzplatz Europas entwickelt. Die drei wichtigsten Metropolen sind Metz, Luxemburg und Saarbrücken, wobei es vor allem Saarbrücken zugefallen ist, das geographische Zentrum, der Schnittpunkt der europäischen Finanzachse LUX-FRA und der politischen Machtachse STRA-BRUS zu sein. Saarbrücken ist BoomTown, von den anderen zentralen Städten der Region fünfzehn Minuten entfernt, nach Paris sind es nur noch 45 Minuten, zum FRAPORT 30.


Aufgabe und Leistungen

Entwickeln Sie Ihr eigenes Bild einer Stadtversion des Umfeldes des Metropolenbahnhofes von Saarbrückens als Luftbild und Stadtmontage. Begründen Sie diese Vision mit der ihrer geschichtlichen Entwicklung, der Story, dem Plot: Wie kam es dazu? Was wurde erfunden, ergänzt, entfernt, wie leben, lieben, arbeiten und bewegen sich die Menschen an diesem Ort? Bearbeiten Sie mit Ihren Visionen die bestehende städtebauliche Situation.

Collage(n) auf A0, Hochformat, alternativ: Bauen und fotografieren Sie ein (Mood-) Modell.

 

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Stadtvision, Utopia, Sina Hafner

Step 3_Städtebaulicher Entwurf


Nach der Bestandsaufnahme des Gebietes und einem Ausflug ins Jahr 2050 ist es nun Ihre Aufgabe, eine realisierungsfähige stadtplanerische Entwicklung für das Planungsgebiet und seiner innerstädtischen Nachbarschaft zu entwickeln. Die einzige Vorgabe der Aufgabenstellung ist es, ein qualitativ hochwertiges und vielfältiges Stadtquartier für die Landeshauptstadt zu schaffen. Dazu gibt es einige inhaltliche Grundlagen, die bereits angesprochen worden sind und die hier zusammengefasst werden.

Innen-Stadt-Aussen

Das Planungsgebiet liegt, wie gemeinsam analysiert, im Innenstadtbereich Saarbrückens, in optimaler Anbindung an den Eurobahnhof und die nördlich davon gelegenen Gebiete sowie in fußläufiger Nähe zum Stadtzentrum, indem man alle Einkaufs-, Dienstleistungs- und Kultureinrichtungen finden kann, die einer Landeshauptstadt gerecht werden. Somit ist die grundsätzliche Möglichkeit, ein attraktives Innenstadtquartier zu schaffen, gegeben.

Nachhaltigkeit

Unter diesem Begriff wird in der Regel der maßvolle Umgang mit energetischen Ressourcen verstanden und damit viel zu kurz gegriffen.
Die Definition von Nachhaltigkeit als Drei-Säulenmodell schreibt die Ökonomie, die Ökologie und das Soziale als Grundsätze fest. Schließt man sich dieser Definition an, so ist der Gedanke der energetischen Optimierung nur noch ein Teil des gesamten Puzzles. Nachhaltige Stadtplanung heißt vielmehr, ein lebenswertes Stück Stadt für eine möglichst vielfältige Bevölkerungsstruktur zu schaffen. Sie werden im Entwurfsprozess herausfinden müssen, welche konkreten Parameter zur nachhaltigen Stadtentwicklung wesentlich sind. Können wir diese sammeln, nennen, geneinander aufwiegen oder gar in Wertung setzen?

Demografie

Der Entwicklung des städtischen Raumes liegt die demografische Entwicklung der Gesellschaft zu Grunde. Dieser Wandel ist das Potential der innerstädtischen Entwicklung. Die Zentren müssen zu Lasten der Ränder gestärkt. Saarbrücken wird dann vom demografischen Wandel profitieren, wenn hier für alle Generationen hochwertiger und bezahlbarer Lebensraum entwickelt und sichergestellt werden kann. Die Landeshauptstadt muss sich für den Trend ‚Zurück in die Stadt‘ rüsten.


Energie


Im Städtebau gibt es viele Möglichkeiten der energetischen Optimierung, die von der Wahl der Bebauungsstruktur und -dichte genauso abhängen kann wie von der Frage nach der Energiegewinnung, -speicherung und transport. Energie ist also nicht nur unter ökologischen, sondern auch unter ökonomischen wie auch sozialen Gesichtspunkten zu betrachten und wird dadurch in ein oftmals überraschend neues Licht gerückt.

Mobilität

Unter Beachtung des derzeitigen Verkehrsaufkommens haben wir festgestellt, dass es in Saarbrücken hinsichtlich einer nachhaltigen zukünftigen Entwicklung von Verkehr neuer Ideen bedarf. Durch die Wahl des Planungsgebietes ist die wohl beste Variante der innerstädtischen Mobilität anwendbar: Der Spaziergang, und sei es mit dem Rulator. Sowohl das Stadtzentrum wie auch der größte Nahverkehrsknotenpunkt des Saarlandes ist fußläufig erreichbar. Müssen wir bei diesem Projekt überhaupt über Mobilität nachdenken? Wer braucht hier ein Auto? Oder einen Parkplatz?

Soziales

Das Planungsgebiet ist heute ein sozialer Brennpunkt mit äußerst problematischer Gemengelage ist: Drogenszene, Beschaffungskriminalität, Prostitution in der unwürdigsten Form des Straßenstriches. Wir stellen in diesem Zusammenhang unsere Ohnmacht als Planer fest. Wie soll man diese Situation in ein neues Quartier integrieren? Gleichzeitig müssen wir die Frage stellen, wer das neue Quartier zukünftig bevölkern soll? Planen wir für vermögende Yuppies, die morgens zur Arbeit nach Paris jumpen? Für finanziell gering belastbare junge Familien mit der Notwendigkeit kindgerechter Aussenräume und Tagesstätten? Für ältere Menschen mit dem Wunsch, am Innenstadtleben teilzuhaben? Für junge Menschen, die die Nacht zum Tage machen wollen? Für vielfältige Nationalitäten mit unterschiedlichen kulturellen Vorstellungen und Wünschen? Denken wir hier über Arbeiten oder Wohnen nach? Wie würden Sie ‚Quartier‘ definieren? Wie verstehen wir an dieser Stelle ‚Soziale Stadt‘?

Abgabeleistungen

  • Städtebauliche Analysen als Gruppenarbeit mit gemeinsamer Vorgabe, nach Absprache
  • Stadtvision, Freie Darstellung, Erläuterung
  • Schwarzplan im M.1:5000, städtebaulicher Strukturplan im M. 1:2000, Konzepterläuterungen in freier Form, Text, Bild, Picto etc.
  • Städtebaulicher Entwurf im M.1:1000 mit allen relevanten Schnitten und Ansichten, M.1:1000
  • Städtebauliche Vertiefung im M.1:500 als Ausschnitt, Grundrisse EG und Regelgeschoss(e), Schnittansichten
  • Geeignete Visualisierung(en)

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Städtebau, Lageplan M 1:1000, Tasja Schudde
 

Team:

Prof. S. Ochs
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