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Myanmar: Hilfe zur Selbsthilfe für das „Goldene Land“

Prof. Martha Meyer von der htw saar entwickelt in einem mehrjährigen Studierendenprojekt ein 200-stündiges Zertifikatsprogramms (Nurse Aide Training Program) für das Pflegehilfspersonal der Klinik in der Phaung Daw OO Monastic Higher Education School in Mandalay/Myanmar

Myanmar, ehemals märchenhaftes Königreich, britische Kolonie und langjährige Militärdiktatur, befindet sich seit 2011 in einem zähen Demokratisierungs- und Friedensprozess. Eine schlechte Infrastruktur, ethnische Konflikte, Korruption, unterentwickelte Humanressourcen und ein unzureichender Zugang zu Kapital machen dem Land noch heute zu schaffen. Erstmals 2012 bereist Professor Martha Meyer Myanmar. Ihre Vision: eine Ausbildung für das Pflegehilfspersonal der Klosterklinik im Osten Mandalays.


Erste Vorbereitungsgespärche im Jahr 2012

Die Klosterklinik und die Arbeitssituation der Pflegehilfskräfte

Das Kloster im Osten Mandalays unterhält die größte Schule des Landes mit fast 7.000 Schülern. Sie leistet einen wichtigen Beitrag in einem von der Regierung stark vernachlässigten und unterausgestatteten Bildungssystem, um den Ärmsten der Armen eine kostenlose Schulbildung zu ermöglichen. Die Klinik des Klosters entstand 2006/2007 aus einer kleinen Verbands- und Erste-Hilfe-Sta­tion, die mit Spendengeldern errichtet wurde. Sie leistet die überwiegend ehrenamtliche Primärversorgung der Menschen aus dem Stadtteil sowie der Men­schen, die auf dem Klostergelände wohnen und arbeiten, also Mönche, Schüler, Flüchtlinge usw. Alle Behandlungen sind kostenlos; wer kann, spendet. In der Klinik arbeiten etwa 13 Pflegehilfskräfte; die Zahl schwankt. Zum weiteren me­dizinischen Personal gehört ein vom Kloster finanzierter Arzt. Ein Kinderarzt, zwei Augenärzte, drei Zahnärzte, ein Radiologe sowie vier weitere Ärzte arbeiten ehrenamtlich „on call“ und werden zum Teil von anderen internationalen Hilfsorga­ni­sationen eingesetzt und unterstützt. Immer wieder arbeiten auch ausländische Ärzte und Pflegepersonal für mehrere Wochen als Freiwillige in der Klinik, um die einheimischen Ärzte sowie Pflegehilfskräfte zu un­terstützen und auch (unsystematisch) fortzubilden.

Das Klinikgebäude besteht aus einem dreigeschossigen Bau. Im Erdgeschoss befinden sich die Ambu­lanz mit einem Untersuchungs- und Konsultationsraum, zwei kleinere Behand­lungs­räume sowie die Klinikapotheke, bestehend aus mehreren offenen Regalen, weshalb die Medika­mente den klimati­schen Bedingungen schutzlos ausgesetzt sind. Das vorgehaltene Lager besteht größtenteils aus gespendeten Medikamenten. Es mangelt insbesondere an Verbandsma­terial und Händedesinfektionsmitteln. Im Grunde herrscht ein steter Mangel an medizinischen Verbrauchsgütern und Medikamenten. Im ersten Stock befinden sich eine komplette Ausstattung für zahnärztliche und au­genärztliche Untersuchungen und Behandlungen sowie ein Lager, wo u. a. medizinische Laborgeräte stehen, die nicht genutzt werden, weil Kalibrierung und Wartung der Geräte nicht gewährleistet werden können.

Je nach Jahreszeit werden täglich etwa 120 bis 150 Patienten mit den unterschiedlichsten Krankheiten und Symptomen medizi­nisch versorgt. Die Behandlung der Patienten erfolgt eher symptomatisch, eine Diagnostik findet nur in au­ßerordentlich beschränktem Rahmen und eher durch Inaugenschein­nahme statt. Sollte eine wei­tergehende Diagnostik erforderlich sein, wird den Patienten die Vorstellung in einer Spezi­alklinik empfohlen (z. B. bei TBC).

Niemand von den aktuell beschäftigten Pflegehilfskräften kann einen Universitäts­abschluss als Nurse vorweisen. Sie haben die notwendigen Voraussetzungen, um einen der begehrten NC-Pflegestudienplätze vom Gesundheitsministerium zugewiesen zu bekommen, nicht erreicht. Allerdings besitzen einige von ihnen einen ‚berufsfremden‘ Ba­chelorabschluss oder befinden sich noch in einem anderen Studium.

Durch das Fehlen systematischer Berufsausbildungsstrukturen und unter Professionalisie­rungsaspek­ten betrachtet, kommt es in Myanmar zu einer „Aneignung“ von Tätigkeiten, die sich in einem staatlich „ungeregelten, paramedizinischen Feld“ wie der Klosterklinik aus der strukturellen Not­wen­digkeit heraus ergeben haben. Die Pflegehilfskräfte fungieren als „Mädchen für alles“, sie sind mehr oder weniger angelernt. Da­mit fallen sie auch als Personen ohne Erwerbschancen aus dem staatlich organisierten Ge­sundheitssektor heraus. Weiterhin bedeutet dies, dass die Menschen im Kloster keinen „struk­turellen Anschluss“ an das Monitoring der (wenn auch defizitär) vorhande­nen Public-Health-Strukturen in Myanmar haben, da die Klöster in ihren inneren Angelegenheiten völlig autonom sind – wie ein Staat im Staate – und damit nicht der „staatli­chen Gesundheitskontrolle“ unterliegen.


Studierende der University of Nursing in Mandalay in ihren ethnischen Trachten währen einer Kulturveranstaltung

 

Methodischer Aufbau des Nurse Aide Trainings

Das medizinisch-humanitäre Projekt ‚Nurse Aide Training Program‘ umfasste insgesamt 4 Pro­jektphasen:

Projektphase I: Programmentwicklung im Sommersemester 2013

Die Entwicklung des 200-stündigen Schulungsprog­ramms erfolgte im Bachelorstu­diengang Management und Expertise im Pflege- und Gesundheitswesen im Rahmen eines zweisemestrigen Projekt- und Forschungsstudiums mit dem Schwer­punktthema: ‚Humanitäre Hilfen und Dienstleis­tungen auf dem Gebiet der Gesundheitsversorgung in Entwicklungslän­dern‘. Die Studierenden sollen befähigt werden, die komplexer wer­den­den Pflege- und Gesundheitsbedürfnisse in der Berufspraxis wissensbasiert und for­schungs­gestützt zu gestalten. Nach vorausgegangenen Gesprächen zwischen der Projektleitung und den Pflegehilfskräften in Mandalay im Februar 2013 wurden die Trainingsinhalte nach ausgiebiger Literaturrecherche festgelegt und mit folgenden Schwerpunkten entwickelt:

  1. Mutter-Kind-Gesundheit: Anleitung und Beratung zur Ernährung und Pflege von Säug­lingen und Kleinkindern sowie persönliche Hygiene und Kinder­pflege, Er­kennen von Fehl- und Mangelernährung;
  2. Anleitung zur Beratung in der Ge­sundheitsförderung von Einzelpersonen und Fami­lien;
  3. Hygiene und Infektionslehre und -beratung, (insbesondere bezogen auf Tro­penkrank­hei­ten, z. B. Malaria, Tuberkulose, HIV/AIDS, Wurminfektionen, Infektionsprophylaxe und -bekämpfung mit dem Schwerpunkt auf Durchfallerkrankungen und chronisch ul­zerierende Wunden);
  4. Erkennen und Vorbeugen von körperlichen Beeint­rächti­gungen, Kontrakturen und Fehlbildungen, Anleitung und Schu­lung in Bewegungs­programmen
  5. Wirkungsevaluation im Gesundheitswesen: Entwicklung von Indikatoren für die Evalu­a­tionsphase unter besonderer Berücksichtigung kultursensibler As­pekte in ei­nem bud­dhistischen Land.

Programmziele für die Pflegehilfskräfte

Mit dem Programm sollten die Pflegehilfskräfte einerseits ihre beruflichen Entwicklungschancen verbessern können, andererseits ihre gesundheitlichen und pflegerischen Basiskenntnisse erweitern und stabilisieren. Nach erfolgreichem Abschluss des 200-stündigen Trainingsprogramms sollten die Pflegehilfskräfte ein ‚Nurse Aide Certificate‘ durch die htw saar erhalten.

Projektziele und Herausforderungen für die Studierenden

Zunächst einmal mussten die Studierenden über eine gewisse „Tropenfestigkeit“ verfügen. Die Auseinandersetzung mit einem völlig „fremden“ gesundheitlichen Arbeitsfeld, welches weit entfernt ist von jenen Abläufen, Routinen und Gewissheiten, die man im deutschen Gesundheitswesen erwarten darf, erforderte ein hohes Maß an Offenheit und Flexibilität, ebenso wie die Konfrontation mit den kulturellen und kommunikativen Besonderheiten einer tief religiösen, buddhistisch geprägten Bevölkerung.

  • Die Studierenden sollten eigenverantwortlich ein Trainingsprogramm als Projekt im Be­reich der Gesundheitsversorgung in allen seinen Phasen planen, implementieren und erfolgreich zu Ende führen,
  • ihre Wissensbestände und Kompetenzen aus dem Studium mit ihrem professionellen gesundheitsbezogenen Hintergrund zusammenbringen und im Projekt flexibel auf neue Herausforderungen anpassen können,
  • ihnen „fremde“ Gesundheitsstrukturen reflektieren und eine kultursensible Haltung in diesem Bereich entwickeln,
  • gesundheitsbezogene Erkenntnisse eines tropischen Entwicklungslandes erwerben, reflektieren und diskutieren sowie
  • ihre Erfahrungen in einer Fachtagung der interessierten Fachöffentlichkeit zugänglich machen.

Eine weitere wesentliche Herausforderung bestand darin, dass die Studierenden vorher kaum einschätzen konnten, auf welchen Wissensbeständen sie bei den Pflegehilfskräften aufbauen konnten. Aus methodisch-didaktischer Perspektive mussten wir davon ausgehen, dass die schulische Sozialisation der Pflegehilfskräfte geprägt war durch das allge­mein verbreitete sogenannte rote-learning: Der Lehrer spricht, die Schüler hören zu und stel­len keine Fragen. Wir konnten erst einmal nicht auf Erfahrungen mit Diskussi­onsrunden, offenen Fragerunden mit dem Dozenten oder Arbeitsgruppenergebnissen aufbauen. Durch ein vielfältig entwi­ckeltes Lehr- und Lernangebot mit Arbeitsblättern, Arbeits­gruppenaufgaben, Schautafeln und Filmen bereiteten sich die Studierenden auf diese Situa­tion vor.

Projektphase II: Umsetzung der Trainingsinhalte (September–November 2013)

Aus der neunköpfigen Studierendengruppe reisten sechs Studie­rende nach Myanmar, um das Trainingsprogramm während ihres 12-wöchigen Praktikums im 5. Semester (WS 2013/14) umzusetzen. Es bestand aus theoreti­schem Unterricht, Begleitung und praktischen Übungen vor Ort in der Klinik. Angestrebt und umgesetzt wurde, dass die Pflegehilfskräfte etwa 17 Std. pro Woche theoretischen und begleitenden Pra­xisunterricht durch die Studierenden bekamen und nachmittags zusätzlich praktische Übungen. Dazu wurde die Klinik kurzerhand jeweils mor­gens für zwei Stunden geschlossen. Hier musste das Schulungsprogramm flexibel an die be­sondere Ver­sorgungssituation sowie die strukturellen Voraussetzungen der Klinik angepasst werden, was sehr gut gelungen ist. Alle Pflegehilfskräfte und die Studenten sprachen mehr oder weniger gut Englisch, was sich im Kursverlauf schnell verbesserte. Im Notfall konnte der Klinikarzt dolmetschen. Während der Arbeit mit den Pflegehilfskräften zeigte sich, dass diese über sehr unterschiedliche Kompetenzen verfügten und aufgrund ihrer unter­schiedlich langen „Berufserfahrungen“ in verschiedenen Bereichen mehr oder weniger um­fangreiche Wissensbestände erworben haben. Viele von ihnen besaßen gute prak­tische Fähigkeiten und kannten die Symptome einschlägiger Krankheitsbilder. Dieses empirisch erworbene Wissen beinhaltete aber kaum Grundlagen­wissen, um Zusammenhänge zu erkennen oder Bezüge z. B. zwischen der Anatomie, Physio­logie, der Krankheitslehre und Übertragungswegen von Krankheitserregern herstellen zu kön­nen. Da die Studierenden während des gesamten Aufenthaltes tägliche Arbeitsprotokolle verfass­ten und den Verlauf der Programmimplementierung reflektieren mussten, wurden sie in die Lage versetzt, die Schulung an Hand der Dokumentation an die Bedürfnisse der Pflegehilfs­kräfte dynamisch anzupassen. Hier mussten sie sozusagen unter realen „Feldbedingungen“ theoretische Lehrin­halte aus dem Studi­enangebot „Projektmanagement“ in allen Phasen üben. Wichtige Entscheidungen über die Organisa­tion und Modifikation der Kursinhalte mussten un­ter Berücksichtigung der Umweltfak­toren selbst getroffen werden.

Projektphasen III und IV: Planung und Durchführung der Evaluation im WS 2013/14 und März 2014

Nach der Rückkehr aus Myanmar wurden im Wintersemester 2013/14 die Instrumente für die Evalua­tionsphase im März 2014 in Mandalay entwickelt. Sie besteht aus folgenden Elementen: schriftlichen Wissenstests, prakti­schen Prüfungsteilen sowie Interviews zur eigenen Einschätzung der erworbe­nen Fähigkeiten.

Die Evaluation fand Mitte März 2014 statt. Die feierliche Verleihung der Zerti­fikate („Awarding Cere­mony“) der htw saar an die stolzen Kursteilnehmerinnen und einen Kursteilnehmer fand im Anschluss an die Evaluation in der Klosterbibliothek statt. Im WS 2014/15 konnte im Rahmen eines 12-wöchigen Praktikums durch drei weitere Studie­rende aus dem Studiengang ein Follow-up realisiert werden (u. a. Kurse zur Familienplanung und zahnärztlichen Assistenz). In der Zwischenzeit hat sich eine der Pflegehilfskräfte mit dem Zertifikat der htw saar in den Händen erfolgreich um einen Studienplatz Pflege an einer aust­ralischen Universität beworben und studiert nun bereits im zweiten Jahr. Zum Abschluss des Projekts veranstalteten die Projektstudierenden am 25. April 2014 eine hochschulöffentliche Tagung an der htw saar, die auf großes Interesse stieß.


Evaluation des Trainingsprogramms im März 2014 

Ausblick

Die Evaluation hat gezeigt, dass die Pflegehilfskräfte viele Kompetenzen und Fähigkeiten hinzuge­wonnen haben sowie ihr theoretisches Wissen erweitern und festigen konnten, es aber sicher weiterer Aktivitäten unsererseits bedarf, um so etwas wie Routine und Festigung von medizinisch-pflegerischen Praktiken zu erreichen. Während des Praktikumseinsatzes von drei weiteren Studierenden im WS 2014/15 zeigte sich, dass die Pflegehilfskräfte z. B. bei der Wundversor­gung und dem Verabreichen von intramuskulären Injektionen mehr oder weniger in ihre alten Routinen zurückgefallen waren. Dies liegt nicht nur daran, dass ihnen beständige Rollenvor­bilder fehlen, sondern auch an den schwierigen Infrastrukturbedingungen und dem Ressour­cenmangel (es wird z. B. an sterilen Handschuhen und Desinfektionsmitteln gespart), mit denen nicht nur diese Klinik zu kämpfen hat.

Für die Studierenden war das Projekt in Myanmar ein außergewöhnliches Erlebnis und eine wichtige Lebenserfahrung. Niemand von ihnen hat sich vorher über eine so lange Zeit in einem tropi­schen Entwicklungsland aufgehalten und die Gesundheitsversorgung der Bevölkerung unter diesen Bedingungen kennen ge­lernt. Das Praktikum in der Klosterklinik stärkte nicht nur die Gruppe, sondern stellte auch praktische Bezüge zu vorher besuchten Seminaren aus dem Studium Manage­ment und Expertise im Pflege- und Gesundheitswesen her. Insbesondere Kenntnisse aus dem Projektmanagement wurden gefordert und mussten praktisch unter Beweis gestellt werden. Diese Erfahrungen werden die Studierenden befähigen, auch im deutschen Gesundheitssystem „sensibler“ mit den Bedürfnissen ausländischer Mitbürgerinnen und Mitbürger umzugehen. Es ist ein unabdingbarer Bestandteil professionellen Pflegever­ständ­nisses, kulturelle Besonderheiten im Krankheitserleben zu erkennen und zu res­pektie­ren. Insofern kann ein internationales Praktikum auf dem Gebiet der Gesundheitsversorgung dafür sensibilisieren, die vergleichs­weise privilegierten Bedingungen der deut­schen Gesund­heitsversorgung mit „anderen Augen“ zu sehen. Mit diesem Projekt konnten Studierende der htw saar in einem klei­nen und überschaubaren Bereich einen wichtigen Beitrag zur huma­nitären Entwicklungs­arbeit leisten, die für die Menschen in Myanmar von so großer Bedeutung ist. In der Klosterklinik bündeln sich die sozialen und humanitären Probleme des Landes wie unter einem Brennglas: Nicht nur im Gesundheitssektor, sondern in vielen weiteren Bereichen (Soziale Arbeit, Energie, Wirtschaft usw.) werden Menschen gebraucht, welche die Bereitschaft, den Enthusiasmus und die Offenheit mitbringen, mit ihrem Know-how einen kleinen humanitären Beitrag zur weiteren Entwicklung dieses wunderbaren Landes zu leisten.

Für dieses Studierendenprojekt erhielt die mittlerweile emeritierte Professorin im Jahr 2014 aus den Händen der Ministerpräsidentin des Saarlandes den Landespreis für herausragende Leistungen in der Lehre. Zudem wurde das Projekt von der Else Kröner-Fresenius-Stiftung im Programmschwerpunkt ‚humanitäre medizinische Projekte‘ als einziges im Jahre 2013 gefördert.