Profilbild

Foto: Flash-Sport/MAINDRUPHOTO 


Spirit of Morocco - Auf Wüstentour für die Wüstenkinder

2.600 europäische Studierende machen sich im Frühjahr 2018 in 1.300 Renault 4 auf den Weg von Biarritz nach Marrakesch. In Gepäck der Kultautos: mehrere Tonnen Schulmaterial für marokkanische Grundschulkinder. Mit dabei sind Victor Leiterholt und Thibault Vanheeghe vom Deutsch-Französischen Hochschul-institut (DFHI/ISFATES) der htw saar. Was vor über einem Jahr in der Garage von Vater Andreas Leiterholt begann, wurde zum größten Abenteuer ihres Lebens.

Sie steht in der Tradition der afrikanischen Langstrecken-Rallyes wie Paris-Dakar. 1996 wurde sie von Rennfahrer Jean-Jacques Rey erdacht. Zwei Jahre später startete sie erstmalig mit drei Fahrzeugen der französischen Kultmarke R4 (4L in Frankreich) und wurde zum Symbol für Teamgeist, Entschlossenheit und Solidarität: Die 4L-TrophyTM, eine Abenteuerreise durch den Süden Marokkos, exklusiv für Studierende. 6.000 Kilometer geht es über Schotterpfade, Sanddünen und durch Ödland. Ein mehr als 250 Mann starkes Supportteam, bestehend aus Ärzten, Mechanikern und Logistikexperten sowie 30 Rallye-Marshalls sorgen mit mobilen Rettungs- und Werkstattwagen, Pannen- und Bergungsfahrzeugen, einem Hubschrauber, einem Tankfahrzeug sowie einem Müllwagen mit 7 Mann Besatzung für einen reibungslosen Ablauf.

„Wo sollen wir nur anfangen zu erzählen?“ hebt Victor fragend die Schultern. „Wir haben so viel erlebt in den letzten 10 Tagen. Es ist ja nicht nur die Rallye selbst, es sind auch die vielen Monate zuvor, in denen wir die Trophy vorbereitet haben.“ „Die Vorbereitung verschlingt ein Vielfaches an Zeit“ bestätigt Thibault Vanheeghe. „Und wir haben eine Menge gelernt. Unser Motto wurde zum Namen – spirit of morooco –, wir haben ein Bankkonto eröffnet, das Budget festgelegt, Sponsoren gesucht, eine Webseite erstellt und viele Monate in der Garage verbracht.“ Für einen kurzen Moment herrscht Stille. „Auf der Fähre von Spanien nach Tanger waren fast nur 4L an Bord“ beginnt Thibault. „Reihenweise bunt beklebte Renault, die alle hupten, als es von Bord ging.“


Victor Leiterholt und Thibault Vanheeghe | Foto: Flash-Sport/MAINDRUPHOTO 

„Zuvor mussten wir von Saarbrücken nach Biarritz“ setzt Victor fort. „Dort war am 15. Februar der offizielle Start. Alle 4L werden vor dem Start von Mechanikern der Tour geprüft. Das war ein spannender Moment. Entspricht unser 4L dem Reglement? Sechs Monate lang haben wir mit meinem Vater aus zwei alten 4L ein neuen erstellt. Und wir bekamen die Startgenehmigung.“  
„Auf der zweiten Etappe von Tanger nach Boulajoul“ erzählt Thibault „haben wir eine weitere wichtige Erfahrung gemacht: es ist nicht immer warm, in Afrika. Unser Biwak stand in 1.600 Meter Höhe. Es war sehr kalt, um die Null Grad. Wir haben die ganze Nacht gefroren.“  „Von Boulajoul nach Merzouga fuhren wir zum ersten Mal auf Sandpisten“ berichtet Victor weiter. Anders als bei Paris-Dakar ist nicht Erster, wer in der kürzesten Zeit ins Ziel kommt. Bei der 4L-Trophy gewinnt, wer die wenigsten Kilometer zurücklegt. Ausgerüstet sind die Studenten nur mit einer Roadmap, einer Landkarte und einem Kompass.

„Sich in der Wüste zurechtfinden, ist schwer“ sagt Victor, „Orientierung bieten dort nur Funkmasten oder ein ausgetrockneter See.“ „Jedenfalls wissen wir jetzt, dass man nicht Erster wird, wenn man sich an die empfohlene Streckenführung hält“ fügt Thibault lachend hinzu. „Erfahrene Trophyisten haben die Strecken zwischen zwei Kontrollpunkten abgekürzt.  Wir nicht, wir wollten die Fahrt genießen, die Landschaft und den Zusammenhalt unter den Teams. Die Platzierung war für uns Nebensache.“ „Das riesige Biwak abends, die Begegnung mit anderen Menschen und Kulturen, das war eine tolle Erfahrung“ bestätigt Thibault Vanheeghe. „Und das eigene Auto wiederzufinden“ schiebt Victor fröhlich ein. „Wenn Du bis tief in die Nacht durch das riesige Lager streifst, kommt es vor, dass Du Dein Auto schon mal suchen musst.“ „Wir haben eine Gruppe aus Westfalen kennen gelernt“ berichtet Thibault. “Die verstanden kein Französisch. Wir haben ihnen die Informationen der Rennleitung für die nächste Etappe übersetzt. Das war selbstverständlich.“ „Und genauso selbstverständlich wurde uns geholfen“ betont Victor. „Auf gut präparierten Schotter- oder Sandpisten sind wir 80 Stundenkilometer gefahren. Und dann tauchen plötzlich Oueds auf, Sandfelder, in denen das Auto stecken bleibt. Für alle Trophyisten war es Ehrensache anzuhalten und zu helfen.“ In Merzouga übergeben alle Teams die gespendeten Hilfsgüter an „Enfants du désert“ (Kinder der Wüste) – eine Wohltätigkeitsorganisation, die das Material an verschiedene Schulen verteilt. Rund 60 Tonnen hat die Rallye bis 2017 gemeinsam mit „Enfants du désert“ zusammengetragen, darunter auch 11 Beatmungsgeräte, 38 Paar Krücken und 50 Rollstühle.

Auf den letzten beiden Marathonetappen nach Marrakesch sind die Rallye-Teams auf sich gestellt. Kein Biwak, das am Abend die hungrigen Fahrer empfängt, keine Duschkabinen, die den roten Sand herunterspülen. „Wir haben uns gleich mit zwei anderen Teams zusammen getan“ berichtet Thibault „Wir sind gemeinsam gefahren und haben auch gemeinsam in der Wüste campiert. Das war phantastisch. Es war stockdunkel. Keine Lichtquelle weit und breit. Und absolut still.“ Der Finaltag bricht an. Die letzten 300 Kilometer der Tour. Der orange-rote Renault hält durch, keine größeren Reparaturarbeiten. Hobby-Mechaniker Victor strahlt, als er mit seinem Freund Thibault die Ziellinie in Marrakesch durchfährt. Platz 834 von 1.300 für das Deutsch-Französische Hochschulteam. Aber das ist Nebensache.