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Exkursion des Fachbereichs Wirtschaftsingenieurwesen nach Hamburg (oder vom Transvestit zum Transrapid)

Prof. Dr. Horst-Joachim Lüdecke, Fachbereich Wirtschaftsingenieurwesen
 

Die diesjährige Exkursion des Fachbereichs Wirtschaftsingenieurwesen vom 3. April 2006 bis zum  6. April 2006,  die eine schon lange bestehende Exkursionstradition fortsetzte, führt diesmal nach Rheinberg zum Metro Future Store und danach in die Hansestadt Hamburg zum Deutschen Elektronensynchrotron (DESY), zur Gabelstapler-Fabrik Still, zur Schiffbauwerft Blohm und  Voss und zum Containerhafen.Auf der Rückfahrt wurde Station in Lathen im Emsland  gemacht, um den Transrapid kennenzulernen.

Abfahrt

Die Kapazität des Busses war bei 50 Fahrgästen ausgeschöpft, mit Studenten (she or  he), den HTW-Professoren Dr. Arendes, Dr. Calles, Dr. Jäger, Herrn Hütter, dem Verfasser und Frau Prof. Dr. Monz-Lüdecke von der FH Zweibrücken sowie drei privaten Exkursionsteilnehmern. Verantwortlicher Planer und Exkursionsleiter war, unvergleichlich bewährt und engagiert wie immer, unsere Lehrkraft für besondere Aufgaben im Fachbereich WI, Gerd Weisgerber.

Besichtigung des Metro Future Store"

Der Future Store in Rheinberg unterscheidet sich auf den ersten Blick nicht von einem gewöhnlichen Supermarkt. In ihm werden aber von zahlreichen Firmen, die sich zu einem Interessenverbund zusammengeschlossen haben, über längere Zeiträume alle zukünftig möglichen technischen Neuheiten schon heute direkt am Kunden getestet, z.B. am Einkaufswagen einhängbare Laptops zur Unterstützung des Kaufvorgangs, über Funk steuerbare Preisschilder zur Warenauszeichnung, elektronische Mustererkennung an Obstwaagen usw.,  um nur einige dieser technischen Novitäten stellvertretend zu nennen. Indes scheint nicht alles gleichermaßen vom Kunden angenommen zu werden - daher eben die Notwendigkeit eines Test-Supermarktes - und zwischen technisch Möglichem und zukünftigem Einsatz entscheiden nicht zuletzt die Kosten. Trauriger Aspekt, dass im Mittelpunkt vieler Maßnahmen schlicht die Freisetzung von Personal steht. Daher verließ der eine oder andere Student den Future Store nach einer professionellen und interessanten Führung und einem Probeeinkauf  vermutlich mit gemischten Gefühlen.

Check-In

In Hamburg eingetroffen, ging es sofort Richtung Reeperbahn. Zur Vermeidung evtl. Miss- verständnisse beim Leser: Zimmerverteilung in unserer Unterbringung war angesagt. Das Hotel Stern, ein ehemaliges Seemannsheim mitten im Rotlichtmilieu, erwartete uns mit sauberen und relativ ruhigen Zimmern, es war nichts auszusetzen. Direkt gegenüber dem Stern befand sich neben der obligatorischen Transvestiten-Show glücklicherweise auch ein kleiner Supermarkt, der uns dank seiner überlangen Öffnungszeiten mit Essbarem versorgte. Bei dem dichtgepackten Besichtigungsprogramm waren nämlich keine Restaurant-, ja nicht einmal Würstchenbuden-Besuche, möglich. Private Kultur- oder Vergnügungsprogramme mussten bei entsprechend guter Fuß-Kondition ohnehin auf die Abend- und Nachtstunden beschränkt bleiben.

Besichtigung von DESY

Am Dienstag früh wurde von unserem Bus DESY angesteuert, eine deutsche Großfor- schungsanlage der Elementarteilchenphysik, in der z. B. Eigenschaften von Protonen, Quarks und Gluonen untersucht werden. Unsere Besichtigung musste sich auf wenige HASYLAB- Experimentierplätze (Hamburger Synchrotronstrahlungslabor) der Elektronensynchrotrone DORIS und PETRA sowie den Leitstand selber beschränken. Elektronen werden in einem Synchrotron bei fast Lichtgeschwindigkeit mit Dipolmagneten geführt und vermittels elektrischer Felder in einer evakuierten Ringröhre (bei DORIS von ca. 290 m Umfang) in wiederholten Umläufen mit weiterer Energie aufgeladen und gespeichert. Sie werden dabei schwerer, nicht schneller, denn Lichtgeschwindigkeit ist gemäß Einsteins Relativitätstheorie unüberschreitbar (nur Star Trek Fans sind da vielleicht anderer Meinung). Schlussendlich werden sie mit Atomen bzw. anderen Elementarteilchen zur Kollision gebracht. Dabei entstehen die die Physiker interessierenden Sekundärteilchenschauer, die im DESY mit riesigen Detektoren analysiert werden.
Für unsere Studenten war wohl mehr die Synchrotronstrahlung interessant, die für wichtige Strukturuntersuchungen in Technik und Biologie bestens geeignet ist. Synchrotronstrahlung ist polarisiertes Licht mit einer über einen weiten Frequenzbereich sonst unerreichbaren Intensität, deren Energie sich proportional zur vierten Potenz der Energie der im Synchrotron umlaufenden Elektronen verhält. Sie wird als wertvolles Nebenprodukt tangential zum Führungsring abgestrahlt, stellt aber gleichzeitig zu ihrem Nutzen auch unerwünschten Energieverlust dar. Der weiteren Energieaufladung der Elektronen sind nämlich Grenzen gesetzt, weil die in ein Synchrotron gesteckte Energie, die sich auf dem DESY-Gelände  durch ein Umspannwerk augenfällig macht, infolge der vorgenannten Potenzbeziehung  schließlich fast nur noch in die Synchrotronstrahlung fließt. Die HASYLAB-Laborplätze stehen öffentlich finanzierter Forschung zur Verfügung, sie werden aber auch kostenpflichtig  von zahlreichen Industrieforschungsstellen genutzt. 
Unser "Duce" durch dieses "Inferno" war eine junge Physik-Diplomandin vom DESY, die uns charmant-bemüht mit den Geheimnissen von Elementarteilchen und der Physik/Technik des Synchrotrons vertraut machte. Wieviel davon wohl bei unseren Exkursionsteilnehmern noch ankam?
Physik hat hierzulande schlechte Karten, junge Physiklehrer sind inzwischen Mangelware. Aus Angst vor zu hohen Drop-Out Quoten ziehen es die Ingenieurbereiche vieler Fachhochschulen bereits vor, die unbequemen Fächer Physik und Mathematik in den  neuen gestuften Studiengänge immer weiter herab zu gewichten, anstatt sich mutig der Her- ausforderung zu stellen. Wenn so die maßgebende Basis der Ingenieurausbildung allmählich  wegbricht, darf über die langfristigen Folgen für ein Land mit Technikprodukten als wichtigstem Exportanteil nachgedacht werden.

Besichtigung der Gabelstaplerfabrik Still

Der Nachmittag des 4. April war der Gablerstaplerproduktion beim Marktführer Still gewidmet, wobei alle Produktionsschritte, angefangen von der Blechanlieferung, bis hin zur Endmontage, im Detail gezeigt wurden. Still-Gabelstapler unterscheiden sich in der Konzeption  von Konkurrenzprodukten dadurch, dass ihr Antrieb grundsätzlich über die Zwischenstufe  eines elektrischen Generators erfolgt. Dies habe u.a. den Vorzug, so wurde uns jedenfalls versichert, dass Still-Gabelstapler zuverlässiger und wartungsfreundlicher als Konkurrenzprodukte seien, weil man auf die übliche Hebehydraulik mit Öl und Dichtungen verzichten könne.
Die Qualität der Führung war mustergültig. An den technischen Teil schloss sich eine Diskussion mit einer Personalmitarbeiterin von Still bei einer Tasse Kaffee in der Werkskantine an. Insbesonders erschien vielen Studenten das Praktikumsangebot von Still trotz der weiten Entfernung Saarbrücken-Hamburg als attraktiv. Interessant aus technischer Sicht war das ungewöhnlich hohe Innovationsniveau bei einem, verglichen etwa mit Autos, vielleicht eher als langweilig angesehenen Produkt. Diese Auffassung, so sie denn auch bei anderen Exkursionsteilnehmern  bestand, hat sich nach dem Besuch bei Still gewandelt.

Besichtigung der Werft von Blohm u. Voss

Das Wetter, das uns bereits während der kurzen Fußgänge im Freien bei DESY mit Schneegraupel und heftigem Wind auf echt Hamburger Art begrüßte, wurde auf der Werft  von Blohm u. Voss, dicht am offenen Wasser, erst so richtig unangenehm. Hierhin ging es nämlich am nächsten Vormittag, dem 5.4.06. Die Traditionsfirma Blohm u. Voss beschäftigt zur Zeit noch ca. 2 500 Mitarbeiter, der Stand in der Vergangenheit betrug ehemals mehrere  10 000. Trotzdem machte das Unternehmen keineswegs einen ungesunden oder im Niedergang befindlichen Eindruck. Es werden hier noch Militärfregatten und private Luxusyachten gebaut. Ein weiteres wichtiges Standbein ist die Reparatur von Großschiffen, da mit dem riesigen Trockendock, auf dem schon das von Blohm u. Voss gebaute Schlachtschiff, die Bismarck, Platz fand, eine hierzulande konkurrenzlose Arbeitsplattform zur Verfügung steht. Die Eindrücke, die sich süddeutschen Landratten bei der Führung boten, hochhausgroße Schiffe auf Docks, Hämmern und der Lärm der Schweißgeräte, tuckernde Schlepper, riesige Kranschiffe und weiträumige Trockendocks waren ungemein fesselnd und ließen bei manchem Exkursionsteilnehmer vielleicht Erinnerungen an Jugendlektüren über die sieben Meere wiederaufleben. Unser Führer war ein pensionierter Blohm u. Voss Mitarbeiter, der uns nicht nur technisch sehr sachkundig betreute, sondern zudem noch mit umwerfendem Hamburger Humor die durchdringende Windkälte auf der Werft ein wenig vergessen ließ.

Besichtigung des Hamburger Containerhafens

Inzwischen fing der Nachmittag an, und es ging übergangslos weiter zum Containerhafen. Glücklicherweise, denn nach wie vor herrschte kaltwindiges Wetter, war die Besichtigung ausschließlich vom Bus aus möglich, der sich innerhalb des Hafens, soweit es der Betrieb ermöglichte, frei bewegte. Jeder Logistiker hätte an dem Ver- und Entladebetrieb, der mit gigantischen Kränen und führerlosen, leitgesteuerten Tiefladern ebensolcher Abmessungen erfolgte, seine helle Freude gehabt. Auf den ersten Blick erschien der gesamte Betrieb ohne Mitarbeiter automatisch abzulaufen, und man musste schon sehr gezielt hinsehen, um an einigen wenigen Stellen Bedienungspersonal auszumachen. Unser Begleiter, ein junger Wirtschaftsingenieur, der erst seit einem knappen Jahr bei der Betreiberfirma des Container- hafens arbeitete, weihte uns in die wichtigsten technischen Aspekte des Betriebes ein und beantwortete unsere Fragen. Interessant aus Sicht des Verfassers einige stellvertretende Details:  Es gibt nicht nur zwei Containergrößen, 20 Fuß und 40 Fuß lang, sondern auch noch zahlreiche Varianten. Eine verbindlich weltweite Norm, wie angenommen, existiert also offenbar  nicht. Die oberen Reihen der gestapelten Container auf den riesigen Transportschiffen werden nicht angekettet, um bei schwerer See den gewollten Verlust zu ermöglichen und somit  das Schiff nicht zu gefährden. Die damit verbundenen wirtschaftlichen und versicherungstechnischen Kosten sind offenbar kleiner als die eines sichereren Transports mit  weniger Ladung. Man kann nur hoffen, dass diese "Philosophie" nur bei Containerfrachtern  und nicht etwa auch bei Öltankern zur Anwendung gelangt! 

Probefahrt mit dem Transrapid und Rückfahrt

An nächsten Morgen, Donnerstag, den 6.4.06, erfolgte die Rückfahrt nach Saarbrücken mit einem vorbereitenden Video im Bus zum Zwischenstop beim Transrapid in Lathen. Neben dem Besuch in dem nicht übermäßig informativen Ausstellungswagen auf dem Gelände war eine Probefahrt mit dem Transrapid selber auf längerer Teststrecke eingeplant. Die Geschwindigkeit des Transrapid erreichte, mit uns an Bord, 408 km/h, über 500 km/h sind machbar. Insgesamt wurden von uns bei der Testfahrt etwa 100 km zurückgelegt.
Neben der hohen Geschwindigkeit ist es seine Beschleunigung, die den Transrapid von der Bahn abhebt und Fahrzeiten bei vielen Haltestationen verkürzt, ferner seine Eignung für starke Steigungen, so dass bei Bergstrecken evtl. auf Tunnel verzichtet werden kann, seine  hohen Kurvengeschwindigkeiten bei starker Schräglage und schlussendlich seine inhärente Sicherheit. Man kann sich das Transrapid-Prinzip als einen in die Länge aufgewickelten Elektromotor vorstellen, wobei der Stator der Führung und der Rotor dem Fahrzeug entspricht. Für das durch Magnetfelder erzwungene berührungslose Schweben des Fahrzeugs sind Bordbatterien verantwortlich, so dass auch bei 500 km/h nach Netzausfall  keine gefährliche Berührung mit dem Führungsuntergrund zu befürchten ist. 
Wie so oft bei einem hochgelobten Produkt mischte sich beim Verfassen anlässlich des realen Kennenlernens ein ganz klein wenig Enttäuschung in die Bewunderung, denn absolut ruckelfrei, wie wohl zu naiv angenommen, ist der Transrapid nicht. Ein sehr guter ICE auf glatter Schiene ist ähnlich ruhig. Ob der Transrapid trotz seiner technischen Vorzüge einmal zur "Cash Cow" wird, ist ungewiss, mögliche Einsatzverbindungen, wie z.B. Hamburg-Berlin sind allerdings erneut wieder im Gespräch.  
Bei der Begeisterung über deutsche Transrapid-Technologie darf nicht übersehen werden, dass China in Kürze Gleichwertiges anbieten wird. Der aktuelle chinesische Transrapid fährt freilich zur Zeit nur max. 100 km/h, bei einer bisher zweijährigen Entwicklungszeit, wohingegen die deutsche Entwicklung in Jahrzehnten rechnet. Im Gegensatz zur hiesig landläufigen Meinung ist der chinesische Erfolg keineswegs nur auf "großzügige" Aneignung fremden Know-How's zurückzuführen, denn der technologische Fortschritt im Reich der Mitte ist atemberaubend. Allein in Shanghai gibt es weit über 30 Fachhochschulen, die exzellente Ingenieure ausbilden. Eine Randbemerkung: Zu einem übernationalen aktuellen CERN-Ex-  periment (centre des recherches nucléaires bei Genf) ist der Transport eines supraleitenden  Magnets von ca. 20 to in eine Erdumlaufbahn erforderlich. Da die Amerikaner mit dem Space  Shuttle Probleme haben, drängeln bereits die Chinesen mit eigener Rakete, und die Ameri-  kaner sind "not amused". In China herrscht heute die Einkindfamilie vor, und Eltern, deren Sprösslinge im Ingenieurstudium stehen, treiben diese extrem hart zum Erfolg an, denn nur  so ist Aufstieg aus dem z. Zt. noch sehr niedrigen chinesischen Lebensniveau möglich. Also,  junge deutsche Bachelor- und Master-Aspiranten, gebt Euch mehr Mühe!

Gegen 22.00 Uhr war der Bus wieder auf dem Parkplatz der HTW angekommen und entließ Exkursionsteilnehmer, die belehrt und mit vielen neuen Eindrücken versehen, aber auch recht müde waren.  
Die Exkursionsteilnehmer möchte sich an dieser  Stelle nochmals bei Herrn Weisgerber für sein Engagement und seine mustergültige Exkursionsleitung bedanken; es war eine gelungene und ungemein interessante Exkursion!  Den Studenten darf ein überwiegend professionelles Verhalten bescheinigt werden. Nur ab  und an gab es kleinere, die Busabfahrt behindernde Unpünktlichkeiten, und 4 Studenten nahmen gar an einer Betriebsbesichtigung nicht teil, obwohl eine Exkursion Lehrveranstaltung und kein Ausflug zum freien Vergnügen ist. Alle hoffen, dass Herr Weisgerber auch  im nächsten Jahr wieder eine ähnlich interessante Exkursion des FB WI zu neuen "Firmen-Ufern" organisieren wird.

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