30 Jahre Forschung und Wissenstransfer

Interview mit dem Vizepräsident für Forschung und Wissenstransfer Prof. Dr. Jürgen Griebsch

 

Herr Griebsch, das Jahr 2019 hielt für die htw saar gleich zwei Jubiläen bereit: Die Hochschulen für angewandte Wissenschaften (HAW) in Deutschland werden 50 Jahre alt. Zugleich schaute die htw saar auf 30 Jahre erfolgreichen Forschungs- und Wissenstransfer. Waren beide Anlässe ein Grund zum Feiern?

Auf jeden Fall! HAWs haben sich in den letzten 30 Jahren zu einem Erfolgsmodell für anwendungsorientierte Forschung entwickelt. Dies sehen wir an den positiven Rückmeldungen, besonders von Partnern aus der Region. Diese bescheinigen uns ebenso wie - der Bericht des Wissenschaftsrats aus dem Jahr 2014 - dass unsere große Praxisnähe eine tragende Säule für erfolgreiche Forschung und Lehre an der htw saar ist. Praxisnähe beginnt bereits ab dem ersten Semester in der Lehre, wird in Projekt- und Abschlussarbeiten der Studierenden fortgesetzt und findet gleichermaßen auch in der Forschung statt. Letztendlich ist sie ein Garant dafür, dass Ideen und Erfindungen schnell industriell umgesetzt werden.

Was waren aus Ihrer Sicht die Meilensteine der Forschung in den letzten 30 Jahren?

Ein wesentlicher Meilenstein war der Beginn der Bereitstellung von Forschungsmitteln für die HAWs vor über 30 Jahren durch den Bund. Mit dem Einstellen erster Erfolge aus den daraus geförderten Forschungsprojekten hat auch ein Umdenken begonnen, beispielsweise von heutigen Partnern aus der Wirtschaft, was ich als weiteren wichtigen Meilenstein betrachte.

Darüber hinaus war die Abschaffung der sprachlichen Eingrenzung durch die Verwendung des Begriffs „Fach“-Hochschule sehr wertvoll. Wenn heute nahezu ausschließlich nur noch von „Hochschulen für angewandte Wissenschaften“ die Rede ist, bedeutet dies, dass unser anwendungsorientierter Ansatz bei wissenschaftlichen Fragestellungen anerkannt wird. Damit unterscheiden wir uns von dem eher grundlagenorientierten wissenschaftlichen Arbeiten der Universitäten. Beide Ausrichtungen ergänzen sich aber sehr gut und bilden deswegen gemeinsam eine sehr gute Voraussetzung für die erfolgreiche Einwerbung interdisziplinärer Forschungsprojekte.

Die Forschung an der htw saar nimmt mit einem konstant hohen Niveau von 11 Millionen Euro in 2018 bundesweit eine Spitzenposition ein. Woraus resultiert dieser Erfolg?

Als einzige Hochschule für angewandte Wissenschaften im Saarland mit 129 Professorinnen und Professoren in vier Fakultäten ist die htw saar breit aufgestellt. Die Vielfalt der vorhandenen Kernkompetenzen dieser 129 Kolleginnen und Kollegen sowie ihrer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter deckt ein großes Spektrum der wissenschaftlichen Fragestellungen ab, welche mit Schwerpunkt regionale Partner an uns adressieren. Weil wir aber wegen der geringen finanziellen Grundausstattung weder große finanzielle Spielräume noch hinreichend Flächen für Forschung und Lehre hatten, mussten wir sehr umsetzungsstark sein, woraus meines Erachtens dieser Erfolg resultiert.  

Hohe Drittmitteleinnahmen brauchen Vorlaufzeit, was bedeutet, dass sich Erfolge nicht von heute auf morgen einstellen, sondern dem jahrelangen Fleiß der Forscherinnen und Forscher zu verdanken sind. Hierfür muss ein Selbstverständnis vorhanden sein, dass Forschung und Lehre immer wechselseitig voneinander profitieren. Zurückblickend wurde der Grundstein für dieses Denken und Handeln an der htw saar im Jahr 1989 gelegt, als die Hochschule als eine der ersten HAWs in Deutschland überhaupt mit der Forschung begonnen hat.

Um die eigenen Forschungsstrukturen kontinuierlich auszubauen, hat die htw saar hochschulinterne Förderprogramme aufgestellt. Was sind das für Programme und konkurrieren diese Programme nicht mit der externen Auftragsforschung?   

Auf Grundlage dieses vorgenannten, frühzeitigen Engagements konnten Zug um Zug Strukturen und Unterstützungsmaßen wie beispielsweise eine interne Forschungsförderung geschaffen werden, welche Forscherinnen und Forscher ebenso wie auch die Entwicklung neuer Ideen unterstützt. Die interne Forschungsförderung finanziert wissenschaftliches Personal mit einer halben Stelle im Regelfall für ein Jahr, um in diesem Zeitraum Partner für eine Projektfortführung zu finden oder Forschungsanträge beispielsweise bei den Bundesministerien zu stellen. Damit entsteht keine Konkurrenzsituation zur externen Auftragsforschung

Drittmittel sind angesichts knapper Ressourcen zur Notwendigkeit geworden und gleichermaßen Erfolgsmaßstab. Was haben eigentlich die Studierenden davon? Profitieren sie von hohen Drittmittelzuflüssen?

Ja – auf jeden Fall. Normaler Weise sind Investitionen für Anlagen, Maschinen oder beispielsweise auch Spezialsoftwarelizenzen nur in sehr begrenztem Umfang über die Globalzuwendung des Landeshaushalts abgedeckt. Und sicher nicht in dem Maße, dass 129 Professorinnen und Professoren daraus stets einen Status aufrechterhalten können, der ihnen eine Ausstattung für den Lehrbetrieb immer auf dem aktuellen technisch-wissenschaftlichen Stand erlaubt. Wenn nun aber Forschungsprojekte erfolgreich akquiriert werden, sind häufig – aber leider nicht immer – Investitionen der vorgenannten Art möglich, um die geplanten Arbeitspakete erfolgreich durchführen zu können.

Der Benefit für die Studierenden geschieht nun in zweierlei Hinsicht: erstens können sie als wissenschaftliche Hilfskräfte am Projekt mitwirken, d.h. Geld hinzuverdienen. Und zweitens profitieren sie im Rahmen von praxisnahen Lehrveranstaltungen wie z.B. Laborübungen oder bei Projekt- und Abschlussarbeiten von den Investitionsgütern, die über die Drittmittel-zuflüsse beschafft werden konnten.

Grundauftrag der htw saar ist es, durch Forschung und Wissenstransfer einen Beitrag zur Entwicklung der regionalen Wirtschaft und Gesellschaft zu leisten. Gleichzeitig bemüht sich die htw saar um mehr internationale Sichtbarkeit. Ein Widerspruch?

Nein, ganz und gar nicht, denn nicht nur die Unternehmen handeln globalisiert. Wenngleich auch in der Forschung potentielle Gefahren bestehen hinsichtlich einer fehlenden Balance zwischen Projektpartnern, so ist die Situation aber besser als bei Unternehmen mit abhängen Lieferanten. Doch müssen wir uns vor Augen führen, dass die Märkte der Zukunft nicht mehr traditionell im atlantischen sondern zunehmend im pazifischen Wirtschaftsraum liegen werden.

Wenn wir uns nun aus Sorgen um den Verlust unserer wissenschaftlichen Ergebnisse national einigeln, gehen uns als Exportnation zumindest mittel- bis langfristig auch unsere Kunden verloren. Vor diesem Hintergrund bedarf es einer internationalen Öffnung, welche vielleicht nicht ausschließlich nach Asien ausgerichtet sein muss, sondern vielleicht auch in Europa sein kann. Wir haben deswegen schon vor mehreren Jahren begonnen, gemeinsam mit Hochschulen aus europäischen Ländern – vorzugsweise Frankreich, Luxemburg und Belgien - interdisziplinäre Forschungsprojekte durchzuführen. Diese machen uns als Europäische Gemeinschaft unabhängiger und wettbewerbsfähiger - zuerst in der Wissenschaft und in einem zweiten Schritt dann auch bei Produkten, Dienstleistungen und Geschäftsmodellen. Davon profitiert letztendlich wieder die Region.          

Welche Herausforderungen kommen in den nächsten Jahren auf Sie zu, in Punkto Forschung?

Es gibt viele Herausforderungen, welche ich an dieser Stelle gar nicht alle aufzählen kann. Deswegen will ich zwei Punkte herausstellen und diese kurz erläutern. Erstens sehe ich die  Digitalisierung und zweitens die vielfältigen Aspekte ungleicher Verteilung.

Digitalisierung verändert nahezu alles und stellt uns damit täglich vor neue Heraus-forderungen. Neben Lehre und Verwaltung an der htw saar werden sich in einem dynamischen Umfeld sowohl die Inhalte von Forschung als auch die Formen der Umsetzung verändern. Der Rohstoff „Daten“ wird in Verbindung mit „open innovation“, „open source“, „open access“ – um nur einige zu nennen – eine andere Herangehensweise an wissenschaftliche Fragestellungen und ein anderes Miteinander bewirken. Das Teilen von Information und Wissen wird einerseits dazu beitragen, dass Risiken und Kosten reduziert werden, andererseits aber auch andere Akteure auf einmal mit eingebunden sind. Die Herausforderung für die htw saar wird sein, dennoch durch Kernkompetenzen und ein klares wissenschaftliches Profil zu überzeugen. Darüber hinaus sind über Jahre versäumte Investitionen und fehlende Prioritäten - wie zum Beispiel beim Netzausbau - mit Blick auf BigData aufzuholen.

Die zweite große Herausforderung sehe ich bei der Verteilungsgerechtigkeit. Vielleicht mag diese Herausforderung nicht direkt mit der Forschung in Verbindung gebracht werden. Jedoch zeigt sich, dass die Notwendigkeit der zuvor angesprochenen „vereinten Kräfte“ auch eine gerechte Beteiligung am Gemeinwohl voraussetzt. Sind aber die Chancen nicht gleichmäßig verteilt, d.h. ist zum Beispiel der Zugang zu Bildung nicht für alle gleichermaßen möglich, bleiben Potentiale für erfolgreiche Forschung ganz sicher ungenutzt.

Werfen wir noch einen Blick noch tiefer in die Zukunft. Was wird sich in den 10, 15 Jahren verändert haben? Was wäre aus Ihrer Sicht wünschenswert und gibt es vielleicht einen ausgeprägten Mittelbau an Hochschulen, ähnlich wie an den Universitäten?

Was wird sich verändert haben in 10 bis 15 Jahren? Forschung wird noch immer an der Hochschule stattfinden, jedoch wird diese weniger ortsgebunden sein. Sehr wohl wird es auch weiterhin Labore geben, in den Menschen forschen, diese werden aber eher dezentralen und interaktiven, d.h. mitwirkenden Charakter in Form von Makerspaces bzw. Fablabs. Auch werden zukünftig Simulationsverfahren mit immer größerer Leistungsfähigkeit und Realitätsnähe eingesetzt, doch zunehmend auch AR (augmented reality) oder VR (virtual reality). Sind diese heute noch Forschungsinhalt, werden sie zum selbstverständlichen Ausstattungselement in Forschergruppen. Diese Entwicklungen sind sowohl aus ökologischen als auch aus ökonomischen Gründen sehr sinnvoll.

Auch wird sich die Durchgängigkeit der Bildungssysteme weiterentwickelt haben, d.h. Abschlüsse an Berufsakademien, HAWs und Universitäten werden untereinander gleichwertig(er) anerkannt. Durch dieses Zusammenwachsen der Institutionen werden komplementäre Formate entstehen, die lebenslanges Lernen mehr in die bestehende Bildung integrieren, indem Bildung modularer wird und nicht mehr zwingender Weise zeitlich en bloc erfolgt. Forscherinnen und Forscher werden aus und in Unternehmen in Projekt-arbeiten eingebunden, was – in Verbindung mit den oben genannten „open“-Strategien und social entrepreneurship – neue Chancen für eine größere Wettbewerbsfähigkeit und Anwendungsorientierung bietet. Auch wird auf die finale berufliche Ausrichtung – d.h. Karriere in einem abhängigen Arbeitsverhältnis, Unternehmertum (Startup oder Unternehmensnachfolge) oder Wissenschaftskarriere (inkl. Promotion) - durch den modularen Aufbau von Lehr- und Forschungseinheiten besser vorbereitet. Zumindest im Bereich der wissenschaftlichen Ausrichtung ist es dafür notwendig sein, einen Mittelbau an HAWs zu haben, damit Deutschland im internationalen Wettbewerb auch zukünftig bestehen kann.