Grenzüberschreitendes Testfeld für die Mobilität der Zukunft

 

Kommunikation wird die Mobilität, wie wir sie heute kennen, grundlegend verändern. Informations- und Kommunikationssysteme zwischen Fahrzeugen und der Verkehrsinfrastruktur sind unerlässlich für eine höhere Verkehrssicherheit und -effizienz. Sie stehen im Zentrum der Arbeiten der Forschungsgruppe Verkehrstelematik (FGVT) an der htw saar.

Hätten Sie es gewusst? Die Kreisstadt Merzig ist ein bedeutender Standort der Verkehrsforschung. Als geographischer Knotenpunkt im Dreiländereck bietet die Mittelstadt eine moderne Verkehrsinfrastruktur, ein signifikantes innerstädtisches Verkehrsaufkommen und Autobahnanschlussstellen. Die Innenstadt ist – weitgehend unsichtbar – ein Real-Labor zur Erprobung von Kommunikationssystemen. Hier werden Informationen intelligent verteilt, die Verkehrsteilnehmern künftig helfen, in Sekundenbruchteilen Entscheidungen zu treffen. Profitieren werden davon sowohl fahrende Personen als auch teil-/ vollautomatisierte Fahrzeuge der Zukunft. Zu erkennen ist das Kommunikationssystem an kleinen Hinweisschildern und grauen Kästen an den Ampel-Kreuzungen.

ITS-Testfeld Merzig – Teil der Teststrecke im Dreiländereck
Im Rahmen verschiedener Forschungsprojekte werden die Kommunikationssysteme bereits seit mehr als vier Jahren im „ITS-Testfeld Merzig“ (ITeM) erprobt. Hierbei werden im realen Straßenverkehr Anwendungen wie das elektronische Bremslicht, die Erkennung von Falschfahrern oder automatisierte Reaktionen auf liegengebliebene Fahrzeuge getestet. Seit 2017 ist das Testfeld Merzig auch Bestandteil des grenzüberschreitenden digitalen Testfelds zwischen Deutschland, Frankreich und Luxemburg. Im Jahr 2017 hatten Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt, sein französischer Amtskollege Alain Vidalies und Verkehrsminister François Bausch aus Luxemburg die Errichtung eines internationalen Testfelds beschlossen. Die Teststrecke verläuft aktuell auf rund 150 Kilometern entlang des Autobahnrings von Metz über Thionville nach Luxemburg, weiter nach Merzig, Saarlouis, Saarbrücken und zurück nach Metz. Auf dieser Strecke werden derzeit die unterschiedlichen länderspezifischen Kommunikations- und Verkehrssysteme getestet. Denn auch die vernetzten und automatisierten Fahrzeuge müssen lernen, „mit eine Sprache zu sprechen“ und länderspezifische Verkehrsgegebenheiten zu berücksichtigen. So folgt in Frankreich bei Lichtsignalanlagen auf „Rot“ direkt „Grün“. An Ampeln gibt es – anders als in Deutschland – keine Haltelinien. Stattdessen orientieren sich die Franzosen an der kleinen Zusatzampel auf Augenhöhe. All das muss von den computergesteuerten Fahrzeugen erlernt und berücksichtigt werden, wenn sie über Grenzen fahren. „Grenzüberschreitende Teststrecken sind unerlässlich, um neue Technologien unter realen Bedingungen zu testen und weiterzuentwickeln“, bestätigt Professor Horst Wieker, Leiter der Forschungsgruppe Verkehrstelematik. „Dazu zählen auch ein vernetzter öffentlicher Personennahverkehr, innovative Verkehrsleitsysteme und intelligente Baustellen.“

kantSaar: Selbstfahren und gefahren werden
Am 01. Oktober 2018 fiel der Startschuss für ein aktuell laufendes Forschungsprojekt der htw saar: kantSaar (kooperatives, automatisiertes Fahren im neurokognitiven Testfeld Saarland). Hier arbeiten Neurowissenschaftler unter Leitung von Prof. Dr. Dr. Daniel J. Strauss und die Forschungsgruppe Verkehrstelematik zusammen, um das Zusammenspiel zwischen Fahrer und automatisiertem Fahrzeug zu erforschen. „Mit steigender Anzahl von Informationen und Warnhinweisen im Verkehr, steigt auch das Risiko der Ablenkung“, erklärt Jonas Vogt, wissenschaftlicher Mitarbeiter der Forschungsgruppe Verkehrstelematik. „Ziel des Forschungsprojektes ist es, Strategien für geeignete Übergabezeitpunkte zwischen automatisierter und manueller Fahrfunktion zu entwickeln, um die Belastung für den Fahrer gering zu halten.“ „Die Zukunft könnte so aussehen, dass Ihnen das Steuerungssystem eine Route durch den Berufsverkehr vorschlägt, auf der Sie nur zu einem geringen Teil selber fahren“, ergänzt Vogts Kollegin Silke M. Maringer. „Das Navigationssystem zeigt Ihnen, auf welchen Streckenabschnitten Sie voraussichtlich selber fahren und besonders aufmerksam sein sollten. Auf anderen Teilstrecken übernimmt das Fahrzeug wieder vollständig die Kontrolle, während Sie sich anderen Aufgaben widmen können, wie zum Beispiel einem Telefonat. Das Steuerungssystem muss dafür in der Lage sein, ständig Informationen auszutauschen, mit anderen Fahrzeugen und Verkehrsinformationsdiensten. Es muss lernen, Sie frühzeitig zu informieren, wenn Sie aktiv werden sollen und Entscheidungen treffen, wann eine Unterstützung sinnvoll ist. Anhand neurokognitiver Daten ist es außerdem in der Lage zu erkennen, wie hoch Ihr Aufmerksamkeitslevel ist, wenn beispielsweise ein Verkehrszeichen auf eine vorausliegende Baustelle hinweist. Es könnte den Fahrer aktivieren und ablenkende Entertainmentfunktionen unterdrücken.“
„Bis dahin ist es noch ein langer Weg“, weiß Jonas Vogt. „Nichtsdestotrotz trägt das kooperative automatisierte Fahren zur Erhöhung der allgemeinen Verkehrssicherheit bei. Gerade für Verkehrsteilnehmer mit Einschränkungen aufgrund von Alter und Erkrankungen ein Weg, länger und sicherer mobil zu bleiben.“

Titelbild: Das htw-saar-eigene Versuchsfahrzeug entgegen der Fahrtrichtung unterwegs auf dem ITS-Testfeld Merzig