Zur Erinnerung an Ulrich Oevermann

„Ja, ich würde viel lieber mit Ihnen weiterforschen“[1] – zur Erinnerung an Ulrich Oevermann.

Der Begründer der Objektiven Hermeneutik, Ulrich Oevermann ist am 11. Oktober des Jahres 2021 verstorben.

Seine Professionstheorie konnten viele unserer Studierenden im Zuge der Module zum professionellen Handeln kennen lernen – etwa über die Texte in Becker-Lenz (2009) – auch seine Methode der Fallrekonstruktion, die in den Methodenveranstaltungen zur Sprache kommt, ist für die Soziale Arbeit und die Pädagogik der Kindheit von großer Bedeutung.

Oevermann war seit 1977 bis zu seiner Emeritierung im Jahre 2008 Professor für Soziologie und Sozialpsychologie an der Johann Wolfgang Goethe-Universität in Frankfurt am Main. In seinen letzten Lebensjahren hat er in Bern trotz schwerer Erkrankung bis zuletzt unverdrossen, tapfer und ohne Klage gearbeitet. Beispielsweise denke ich an die langen Videokonferenzen im Rahmen unserer study group am Hanse-Wissenschafts-Kolleg in Delmenhorst,[2] an denen er vom Krankenbett aus in der ihm eigenen, klar strukturierten und gelegentlich unerbittlichen Strenge der Argumentation mitgewirkt hat oder seine Beiträge zur Arbeitsgruppe Objektive Hermeneutik.[3] Zu seinen Lebzeiten hat Oevermann sich in vielen wissenschaftlichen Bereichen verdient gemacht, als Mensch war er ungeheuer arbeitsam, humorvoll, lebenslustig, zuweilen unnachgiebig; mir fehlt seine, in der Sache fast untrügliche intuitive Wahrheitswahrnehmung und die darin aufgehobene Verbindlichkeit in der Vertretung seiner Objektiven Hermeneutik (vgl. z. B. 2000, 2019) sowie gleichzeitig sein authentisches, im Miteinander völlig unkompliziertes Menschsein. Sein Tod erfüllt mich mit tiefer Trauer. Seine Verdienste um die Soziologie (vgl. Allert 2022), die Erziehungswissenschaft (vgl. Gruschka 2021, Garz/Kraimer 2022) und die Soziale Arbeit (Kraimer 2022) sind bereits gewürdigt worden. Wir verdanken ihm viel – Ein Wissenschaftler mit gewaltiger Inspirationskraft ist von uns gegangen, er hat die Tradition, die ihm sein akademischer Lehrer Lepsius nahegebracht hat, zu ehren vermocht (vgl. Oevermann 2015). Möge seine Tradition in Forschung und Lehre Bestand haben.

Literatur

Allert, Tilmann (2022):  Im memoriam Ulrich Oevermann (28. Februar 1940 – 11. Oktober 2021). In: SOZIOLOGIE, 51. Jg., Heft 1, 2022, S. 74-79).

Garz, Detlef/Kraimer, Klaus/Riemann, Gerhard Riemann (Hg.) (2018): Im Gespräch mit Ulrich Oevermann und Fritz Schütze. Einblicke in die biographischen Voraussetzungen, die Entstehungsgeschichte und die Gestalt rekonstruktiver Forschungsansätze. Studien zur rekonstruktiven Sozialforschung. Dritter Band. Opladen und Farmington Hills: Barbara Budrich Verlag.

Garz, Detlef & Kraimer, Klaus (2022). Nachruf auf Ulrich Oevermann. Erziehungswissenschaft 64 (im Erscheinen).

Gruschka, Andreas (2021): Mein Kollege und Freund Ulrich Oevermann ist mit 81 Jahren verstorben, Pädagogische Korrespondenz, 2-2021, S. 5-9. https://www.budrich-journals.de/index.php/pk/article/view/38913.

Becker-Lenz, Roland u. a. (Hg.) (2009): Professionalität in der Sozialen Arbeit. Standpunkte, Kontroversen, Perspektiven, Wiesbaden: Springer VS.

Becker-Lenz, Roland u. a. (Hg.) (2016): Die Methodenschule der Objektiven Hermeneutik. Eine Bestandsaufnahme. Wiesbaden: Springer VS.

Kraimer, Klaus (2022): Soziale Arbeit als Profession im Modus operandi stellvertretender Krisenbewältigung – zur Erinnerung an Ulrich Oevermann (1940-2021). In: neue praxis 1, (im Druck).

Oevermann, Ulrich (2000): Die Methode der Fallrekonstruktion in der Grundlagenforschung sowie der klinischen und pädagogischen Praxis. In: Kraimer, K. (Hg.): Die Fallrekonstruktion. Sinnverstehen in der sozialwissenschaftlichen Forschung. Frankfurt am Main: Suhrkamp, S. 58-156.

Oevermann, Ulrich (2019): Die Erzählung von Ulrich Oevermann. In: Garz, D. u. a.: Im Gespräch mit Ulrich Oevermann und Fritz Schütze, a. a. O., Opladen u. a., S. 15-100.

Oevermann, Ulrich (2015): Prof. Dr. Dr. h.c. Mario Rainer Lepsius – ein Nachruf. In: SOZIOLOGIE, 44. Jg., Heft 1: 7–21.

Verf.: Dr. Klaus Kraimer, emer. Prof. an der Hochschule für Wirtschaft und Technik des Saarlandes (htw saar).

E-Mail: klaus.kraimer@gmail.com

 
[1] Ulrich Oevermann im Rahmen der Podiumsdiskussion (2016, S. 261), die in dem Band zur Bestandsaufnahme der Methodenschule der Objektiven Hermeneutik ebenso abgedruckt ist, wie seine Abschiedsvorlesung ‚Krise und Routine‘ als analytisches Paradigma in den Sozialwissenschaften: In Becker-Lenz u. a. Hg. (2016).

[2] Study Group ‚Tötungshandlungen im Gesundheitswesen‘ am Hanse-Wissenschaftskolleg (HWK)

Institute for Advanced Study (Leitung Detlef Garz) https://hanse-ias.de/fokus/projekte/study-groups/toetungshandlungen-in-einrichtungen-des-gesundheitswesens

[3] Die AG Objektive Hermeneutik e. V. fördert die hermeneutischen Sozialforschung im Sinne Oevermanns. www.agoh.de.

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