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Ohren verraten unsere Gefühle: Der Weg zu Maschinen mit super-emotionaler Intelligenz?

06. November 2026

Die Ohrmuskeln des Menschen offenbaren seine Gefühle. Das haben Dr. Farah Corona-Strauss und Sophie Bonnaire herausgefunden, die am „Systems Neuroscience & Neurotechnology Unit“ in Saarbrücken und Homburg forschen. Sie konnten zeigen, dass die Ohrmuskeln nicht nur verraten, wem und wie intensiv wir zuhören, sondern auch, wie stark uns etwas bewegt – und zwar innerhalb von Sekundenbruchteilen. Eine Erkenntnis, die sich auf die KI-Debatte auswirken könnte und die Frage aufwirft, was eine Maschine dürfen soll, die Gefühle besser erkennt als jeder Mensch.
 
Dazu sind zwei Veröffentlichungen des Teams um Professor Daniel J. Strauss erschienen: Die Forschungsergebnisse werden in den „IEEE Transactions on Affective Computing“ vorgestellt, und ein Perspektivartikel in „Frontiers in Artificial Intelligence“ definiert erstmals den Begriff der „super-emotionalen Intelligenz“. 
 
„Unsere Ohrmuskeln reagieren unmittelbar auf das einzelne Ereignis, das uns emotional bewegt – beispielsweise auf einen Ton oder auf ein Gesicht, das kurz in einer Szene auftaucht. Dies geschieht innerhalb von Sekundenbruchteilen und ist visuell nicht wahrnehmbar“, erklärt Professor Daniel J. Strauss die neuen Forschungsergebnisse seiner Gruppe. Das Besondere: Charles Darwin hatte die menschlichen Ohrmuskeln 1871 für verkümmert erklärt und dem Menschen 1872 den Gefühlsausdruck über die Ohren abgesprochen, den er bei Tieren so genau beschrieb: angelegte Ohren bei Angst und Wut, aufgestellte Ohren bei Aufmerksamkeit, wie es jeder kennt, der mit einem Hund oder einer Katze lebt.
 
„Wir konnten nun jedoch zeigen, dass das evolutionäre Relikt in unserem Kopf – die Steuerung der Ohrmuskeln – nicht nur verrät, wem wir zuhören, sondern auch, was wir dabei fühlen“, sagt der Neurowissenschaftler und Informatiker und fügt hinzu: „Zwar können wir die Ohren nicht mehr ausrichten, das Muskelsignal ist aber geblieben. Was Darwin für verloren hielt, ist nur leiser geworden.“
 
Seine neurotechnologische Arbeitsgruppe hatte bereits 2020 im Journal „eLife“ gezeigt, dass die Muskeln rund um das menschliche Ohr aktiv werden, sobald ein neues oder wichtiges Geräusch auftaucht. Damals machten die Probandinnen und Probanden unbewusst winzige Ohrbewegungen, die genau in die Richtung gingen, in die sie ihre Aufmerksamkeit lenkten. Die Forscher konnten dies unter anderem anhand von elektrischen Impulsen des rudimentären motorischen Systems des Ohres nachweisen (siehe Pressemitteilung „Tierisches Erbe: Auch der Mensch richtet seine Ohren auf interessante Geräusche“). In Folgestudien zeigte die Gruppe, dass die Ohrmuskeln auch anzeigen, wie anstrengend das Zuhören ist, auch bei Trägerinnen und Trägern von Hörgeräten.
 
Lachen führt zu neuen Erkenntnissen 
Bei den Experimenten von 2020 fiel Farah Corona-Strauss auf, dass sich die winzigen inneren Ohrmuskeln auch dann regen, wenn die Probanden lachten, und zwar schon kurz bevor das Lachen einsetzte. Daraus entwickelte die Neurotechnologin die Fragestellung: Wenn das Ohr auf Geräusche reagiert, die uns wichtig sind, reagiert es dann auch auf das, was uns emotional berührt? Gemeinsam mit der wissenschaftlichen Mitarbeiterin Sophie Bonnaire ging sie dieser Frage nach. Bonnaire nahm das Thema in ihrer Doktorarbeit an der Universität des Saarlandes auf und prüfte es systematisch: Sie zeigte den Probandinnen und Probanden kurze Filmszenen – sowohl angenehme als auch unangenehme –, während Oberflächenelektroden die Aktivität der inneren Ohrmuskeln aufzeichneten und die Teilnehmer angaben, wie stark die Szene sie erregte. Ergebnis: „Innerhalb von Sekundenbruchteilen werden die Muskeln umso aktiver, je erregender eine Szene ist, und zwar unabhängig davon, ob die Szene angenehm oder unangenehm war. Und: Die Muskelantwort passt zu dem, was die Probanden selbst berichten“, hat Sophie Bonnaire herausgefunden. Auffallend sei, dass die Reaktion dem einzelnen Ereignis im Bereich von Sekundenbruchteilen folgt: einem Ton, einem kurz gezeigten Gesicht und in derzeit laufenden Arbeiten der Forschungsgruppe auch einzelnen Wörtern beim Lesen.

Mit Körpersignalen zur super-emotionalen Intelligenz?
Dass die Ohrmuskeln eines Menschen spontan und unbewusst seine Gefühle offenbaren, leitet für Daniel Strauss direkt zur KI-Debatte über: „Diese dreht sich bisher ausschließlich um das Thema ‚Super-Intelligenz‘, also um die Frage: Wie viel klüger als wir wird die Maschine?“ Dagegen lasse sich jetzt ein neuer Begriff setzen: „super-emotionale Intelligenz“: eine Maschine, die Gefühle besser deutet als jeder Mensch, auch anhand von Körpersignalen, die wir beim anderen gar nicht wahrnehmen. „Ausdrücklich nicht gemeint ist eine Maschine, die fühlt“, stellt Strauss klar. „Super-emotionale Intelligenz beschreibt vielmehr ein System, das Gefühle eines Menschen besser erkennt, versteht und darauf eingeht als geschulte menschliche Expertinnen und Experten.“
 
Seine Doktorandin Sophie Bonnaire hat den Begriff „Super-Emotional Intelligence“ (SEI) in ihrem Perspektivartikel in „Frontiers in Artificial Intelligence“ erstmals definiert. Dort beschreibt sie, was eine „super-emotionale Intelligenz“ können müsste. Sie erklärt auch, warum heutige KI davon weit entfernt ist, und wie man mithilfe klarer Regeln ein System bauen könnte, das für Menschen arbeitet und nicht gegen sie. „Im Gegensatz zu heutigen ‚empathischen‘ Chatbots, die einfühlsam wirken, ohne den Zustand ihres Gegenübers wirklich zu verfolgen, muss sich eine super-emotionale Intelligenz selbst regulieren können. Sie wählt eine angemessene Antwort, die den Menschen, der ihr gegenübersitzt, am ehesten dorthin bringt, wo er hinwill – und sie lernt aus der Wirkung ihrer eigenen Antworten“, sagt die junge Wissenschaftlerin.  
 
Fürsorge statt Kontrolle: Regeln gegen den Missbrauch sind notwendig
Doch Vorsicht sei angebracht: „Mit einem anderen Ziel kann dieselbe Technik zur ‚hypermanipulativen Maschine‘ werden, die Zustände liest, die wir an uns selbst nicht bemerken, und zu Zielen lenkt, die wir nie gewählt haben“, betont Daniel Strauss. Der „EU AI Act“, der Emotionserkennung am Arbeitsplatz und in Schulen verbietet, mache die Frage aktuell. „Unsere Forschungsgruppe argumentiert, dass der Mensch das Ziel setzt und festlegt, was eine solche Maschine dürfen soll: Es geht um Fürsorge statt Kontrolle.“
 
Vom Hörgerät über Earbuds bis zur Datenbrille
An einer greifbaren technischen Anwendung arbeitet Farah Corona-Strauss mit ihrem Labor bereits: „Hörgeräte, Earbuds und die Bügel von Datenbrillen sitzen genau dort, wo die Signale der Ohrmuskeln entstehen. Damit wird das Ohr zur natürlichen Schnittstelle zwischen Mensch und Maschine. Deshalb arbeiten wir mit Hörgeräteherstellern und internationalen Technologiepartnern zusammen: Ein empathisches KI-System, das merkt, wenn das Zuhören anstrengend wird oder uns etwas bewegt, kann darauf eingehen, ohne Kamera und ohne Fragebogen“, erläutert die Neurotechnologin.
 
Hintergrund: Die Arbeitsgruppe
Die „Systems Neuroscience & Neurotechnology Unit“ (SNNU) gehört zur Medizinischen Fakultät der Universität des Saarlandes und zur Ingenieurwissenschaftlichen Fakultät der Hochschule für Technik und Wirtschaft des Saarlandes. Dr. Farah Corona-Strauss leitet dort das MINDSCAN Lab, in dem auch Sophie Bonnaire forscht. Die SNNU leitet derzeit eine Vielzahl von nationalen und internationalen Forschungsprojekten im Grenzbereich von Neurowissenschaft, Medizin und Technik.
Weitere Infos unter: www.snnu.uni-saarland.de
 
Die beiden Publikationen: 

  • Sophie Bonnaire, Mayur J. Bhamborae, Daniel J. Strauss, Farah I. Corona-Strauss: Unraveling Affective States from the Auriculomotor System. IEEE Transactions on Affective Computing. DOI: 10.1109/taffc.2026.3717435
  • Sophie Bonnaire, Farah I. Corona-Strauss, Daniel J. Strauss: The Rise of Super-Emotional Intelligence (Perspective). Frontiers in Artificial Intelligence. DOI: 10.3389/frai.2026.1975692
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