Ein Verkehrsunfall ereignet sich – Fahrzeuge kollidieren – womöglich werden Personen verletzt. Die Beteiligten verständigen ordnungsgemäß die Polizei. Doch am Unfallort wird auch technische Expertise benötigt: Wie sehen die Schäden an den Fahrzeugen aus? Kann sich der Unfall überhaupt so zugetragen haben, wie angegeben bzw. angenommen?
An dieser Stelle kommen Anja Schütz und Lea Kolbusch ins Spiel. Als Sachverständige für Unfallanalytik und Verkehrsmesstechnik sind sie zu jeder Tages- und Nachtzeit im Einsatz. Eine gefragte Tätigkeit, die durch aktuelle Tendenzen wie Personalengpässe, Zeitmangel und Stellenabbau bei den Behörden zusehends an Bedeutung gewinnt – und den Einsatzort der beiden Fahrzeugtechnikerinnen schon jetzt über das Saarland hinaus nach Rheinland-Pfalz ausweitet.
Ein nahezu unbekanntes Berufsbild
Starke Nerven brauche man für diese Tätigkeit, die gemeinhin kaum bekannt sei, erklärt uns Dipl.-Ing. Gundolf Himbert, Geschäftsführender Gesellschafter des HMS Gutachter Sachverständigenbüros und Vorgesetzter der beiden htw Alumnae. Neben mehrjähriger Berufserfahrung, Bereitschaft zur Arbeit außerhalb üblicher Bürozeiten und Lust auf qualifizierende Weiterbildungen müsse man auch ein starkes Gemüt mitbringen: Vor Ort trifft man nicht selten auf Verletzte oder zumindest aufgeregte Menschen in emotionalen Ausnahmesituationen.
Doch die Fahrzeugtechnikerinnen, die bei HMS auch als GTÜ-Prüfingenieurinnen in der Grube stehen, beweisen sich in diesem vielseitigen Aufgabenfeld und schätzen den Abwechslungsreichtum der Außeneinsätze: Was sie an der Unfallstelle erwartet, erfahren sie meist erst vor Ort und kaum ein Fall ist wie der andere. Auch das macht die Unfallanalytik zu einem Beruf mit Zukunft: Zwar wird KI in nächster Zeit vermutlich die Rahmenbedingungen (bspw. die juristisch verwertbare Ausformulierung der unabhängigen Gutachten) erleichtern, schätzt Gundolf Himbert, doch die Beurteilung der Geschehnisse ist immer ein individueller Einzelfall, der nicht standardisiert behandelt oder maschinell bewertet werden kann.
Frauen in einer Männerdomäne
Mit Vorurteilen haben Anja Schütz und Lea Kolbusch in ihrer Arbeit als Unfallanalytikerinnen eher selten zu tun. Überraschung, wenn sie als weibliche Sachverständige zum Unfallort kommen, durchaus, aber keine Unterschätzung ihrer Fähigkeiten oder unangenehme Bemerkungen. Die kommen höchstens mal im Kontakt mit Kund*innen zustande, die ihren PKW zur Prüfung bringen und mit Fahrzeugtechnik nur Fachmänner verbinden.
Doch auch das Gegenteil kam bereits vor: Kundinnen, die ihre Autos gezielt von den beiden Prüfingenieurinnen begutachten lassen wollen. Die Frauen hatten nach eigener Aussage weniger das Gefühl, von oben herab behandelt zu werden oder pauschal Unwissen unterstellt zu bekommen. Und wenn doch einmal etwas unklar ist, liegen Anschauungsbeispiele wie abgefahrene Bremsscheiben und kaputte Stoßdämpfer für Erklärungen bereit. Wenn die Zeit es zulässt, darf auch mal ein Blick unters Auto geworfen werden. Denn wie soll man (und besonders: Frau) Technik verstehen, wenn es noch nie eine Gelegenheit gab, sie anzuschauen und erklärt zu bekommen?
Von klein auf technikbegeistert
Auf diese Grundvoraussetzung konnten beide HMS-Mitarbeiterinnen schon früh zurückgreifen. Anja Schütz erzählt von ihrer Familie, in der handwerkliche Tätigkeiten an der Tagesordnung waren. Geschlechterklischees spielten dabei keine Rolle, sie selbst ging ihrem Vater in der eigenen Werkstatt oft zur Hand und schraubte schon an ihrem ersten Fahrrad selbst die Stützräder ab. Beide eint außerdem der Einfluss älterer Brüder. Auch Lea Kolbusch hat sich neben dem Fußballspielen schon früh für technische Themen begeistert. So trafen sie sich 2016 im Bachelor-Studiengang Fahrzeugtechnik an der htw saar. Wohin es sie beruflich verschlagen würde, wussten sie damals kurz nach dem Abitur noch nicht. Doch während des Studiums und vor allem durch studienbegleitende Praktika konnte erste Berufserfahrung gewonnen und der Blick auf mögliche Tätigkeitsfelder geschärft werden.
Von Lernenden zu Lehrenden
Den Kontakt zur htw saar haben beide gehalten. Heute, fünf Jahre nach ihrem Abschluss, sind sie selbst als Lehrende in ihrem ehemaligen Studiengang tätig. Sie bringen den Studierenden nicht nur den tatsächlichen Alltag der Fahrzeugtechnik näher, sondern sind als Frauen in einem noch immer überwiegend männlich konnotierten Feld auch Vorbilder für Studentinnen.
Mit Initiativen wie dem Ferienprogramm ScienceClub4Girls (MINT-Referat des Gleichstellungsbüros an der htw saar) werden Schülerinnen schon ab Klassenstufe 5 für MINT-Themen begeistert. Mittelfristig wird auch über Formate für jüngere Mädchen nachgedacht. Das Ziel: Hemmungen und (unbewusste) Vorurteile sollen im Idealfall nicht erst im Laufe des Karrierewegs widerlegt und verlernt werden müssen, sondern gar nicht erst entstehen. Steht die Wahl eines Studienfaches dann bevor oder wurde bereits getroffen, kann das Alumni-Netzwerk den Austausch zwischen Studierenden und Absolvent*innen erleichtern und intensivieren. Denn wie Lea Kolbusch und Anja Schütz, haben wohl die wenigsten jungen Menschen nach ihrem Schulabschluss vor Augen, dass sie die Unfallanalytiker*innen von morgen sein könnten.
Kontakt
HMS Gutachter
Sachverständigenbüro
Himbert | Schwarz | Seiz GbR
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